Wenn ich mich richtig erinnere, dann war ich das erste mal 2002 auf der Photokina und hab sie seit dem kein mal verpasst. Dieses Jahr war also das fünfte mal und wie das so ist wenn man etwas öfter erlebt, läuft man beim fünften mal nicht mehr mit offenem Mund durch die Hallen. Damit ein Besuch bei der Photokina trotzdem seine Sinnhaftigkeit behält, muss man sich irgendwann überlegen, was man überhaupt will. Meine Agenda umfasste folgende Punkte:

1. Nach Fotobuchherstellern umgucken, zwecks Qualitätskontrolle und unmittelbarem Preisvergleich.

2. An Fachkameras herumspielen, denn wenn es irgendwas gibt, was mich in der Technikwelt der Fotografie wirklich begeistert, dann sind es Fachkameras.

3. Visual Gallery, denn ich mochte immer das sehr breit aufgestellte Spektrum der Ausstellungen dort. Und überhaupt: Ausstellungen mag ich sowieso.

4. Socialisen, sofern das überhaupt ein Wort und auf der Photokina möglich ist.

Socialisen war schwierig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auf der Photokina potenzielle Socialisingkandidaten herumlaufen würden, aber nach kurzer Zeit läuft man so überfordert und orientierungslos durch die Hallen, dass einem die Fähigkeit jemand Fremdes in ein Gespräch zu verwickeln irgendwie verloren geht. Um sich irgendwie vor einer Reizüberflutung zu schützen ist meine sensible Seele ausserdem auf mitgebrachte Musik angewiesen, um zumindest den Lärm auszublenden.

Socialisingergebnisse:

Am PhaseOne-Stand wollte ich mich aufdrängen, mit dem Vorwand eine neue Softwareversion haben zu wollen. Gabs aber nicht, weil das Presswerk hintendran war, was sehr peinlich gewesen sein muss. (An Peinlichkeit aber locker übertroffen von Tamron im Jahr 2008, bei denen das Objektiv, das ich mal an meiner Canon testen wollte, nur für Nikon da war, weil sie das Vorführmodell mit Canonanschluss irgendwie “vergessen” hatten einzupacken.)
Bekam dann eine ältere Version von CaptureOne, die mal der Profifoto beilag (was man am Aufdruck sehen konnte) und hielt noch ein wenig eleganten Smalltalk über die Downloadversion, Freischaltcodes und RAW-Formate fremder Herrsteller. (Laut PhaseOne ist ihre Software immernoch die beste. Kann dem nichts entgegenstellen, weil ich ehrlich gesagt keine Ahnung hab. Bin sehr zufrieden mit Lightroom.)

Bei Linhoff spielte ich an einer kompakten Großformatkamera herum und wurde prompt von einem Verkäufer beflirtet. Er befeuerte meinen Wunsch eine funktionierende Fachkamera zu besitzen und war dann genau so enttäuscht wie ich, dass daraus in nächster Zeit wohl nichts wird.
(Herumgespielt habe ich ausserdem bei ArcaSwiss, allerdings ohne Socialising. Der nette ältere Herr mit schweizer Akzent, von vor zwei Jahren war gerade im Gespräch. Bei Sinar wollte ich nicht herumspielen, denn dass kann ich auch zuhause (auch wenn das Objektiv kaputt ist) und ausserdem war ich erschrocken, dass die digitalen Rückteile genau so aussehen wie die von vor 10 Jahren. Aber immerhin habe ich einem zugenickt, den ich noch von einem Verkaufstermin von vor vier Jahren her kannte.)

Bei den Hochschulaufstellern vor der Visual Gallery kam man darüber ins Gespräch, dass man ganz schön lange auf seinen Cappuchino warten muss. Immerhin von Illy, sehr teuer, aber trotzdem nicht gut.

Ausserdem habe ich noch zwei wirklich schlaue Fragen gestellt bei Michael von Graffenrieds toller Führung durch seine eigene Retrospektive. Ein wirklich einwandfreier Schweizer, der mit seiner alten analogen Panoramakleinbildkamera aus der Hüfte so großartige Reportagen schießt, dass der Mund dann doch wieder ein bißchen aufsteht. Seine leider nicht so gute Webseite findet sich hier. Jeder, der Reportagefotografie mag (und ausserdem das Weitwinkel), sollte Michael von Graffenried gebührende Beachtung schenken.

Hans Peter Jost war auch da (auch Schweizer) und hat sein Reportagebuch vorgestellt, über den lokalen Einfluss des internationalen Baumwollhandels auf den verschiedensten Punkten der Erde und wäre wahrscheinlich auch ganz toll gewesen, wenn ihm in einer Interviewsituation mit Diavorführung nicht so dumme Fragen gestellt worden wären. Auch keine gute Seite, allerdings mit vielen Fotos, die allerdings oft in schlechter Abbildungsqualität. Übrigens fotografiert er seine Reportagen mit einer Hasselblad, also einer für Reportagen eigentlich unhandlichen Kamera mit quadratischem Format, was schon auch eher ungewöhnlich ist.

Sonst war die Visual Gallery dieses Jahr eine Enttäuschung, abgesehen von der Präsentation des Hasselbladwettbewerbs und den Schweizern. (Was viele nicht davon abhielt die ausgestellten Fotos reihenweise abzufotografieren.)
Und dass Jim Rakete die Filmschaffenden Deutschlands in großer Masse vor die Kamera stürmen und sich in ekelerregend pathetischen Posen inszenieren lassen, sollte noch lange kein Grund sein, seinen Portraitparodien einen prominenten Platz in der Mitte der Halle zu geben. Noch dazu muss die rein technische Qualität der Abzüge der blanke Hohn für jeden sein, der auch nur den geringsten technischen Anspruch an die eigene Fotografie hat. Ich zitiere eine SMS eines Freundes “Rakete Fotos= alles was am deutschen film verkehrt ist.” und frage mich, ob das mit der Groß- und Kleinschreibung auf seinem iPhone nicht automatisch geht.

Ich wollte mich nach Fotobüchern umschauen und weil ich gerade so schön in Rage bin, möchte ich ein wenig über den Stand von CeWe herziehen, die mich nicht nur monatlich mit einem peinlich offensichtlich gekauften Werbeartikel in der Profifoto ärgern, sondern auch der Meinung sind, ähnlich viel Platz brauchen zu müssen, wie zum Beispiel Fuji oder Panasonic, um da dann Fotobücher als Referenzen zu präsentieren, die mich wegen der Qualität verzweifeln ließen.
Alles gnadenlos überschärft und nichts in schwarzweiß und irgendwie war man scheinbar auch noch stolz auf den Einfall, dass alle Layouts von irgendwelchen Leuten an der Computerkonsole im DM zusammengehauen waren.

Ganz gut gefallen hat mir übrigens Blurb.com, die zwar nicht sehr interessiert daran waren zu informieren, dafür aber eine sehr schöne Auslage an Fotobüchern hatten, die tatsächlich aussahen wie richtige Fotobände.

Hm. Die große Leere. Mein Fazit:

Es klingt merkwürdig, aber Informationen gab es so gut wie nirgendwo. Überall standen Hostessen herum, lächelten, balancierten Glaskugeln auf dem Kopf und passten auf, dass niemand die ausgelegten Exponate klaut. Fragen bekam man selten so beantwortet, dass es Sinn machte, aber vielleicht lag das auch an mir. Natürlich füllten sich Hände und Rucksack wie von selbst mit Broschüren und Datenblättern, aber wer will denn sowas lesen und warum schaut man nicht einfach ins Internet?
Mit platten Füßen und weicher Birne fährt man mit der Bahn nach Hause und stellt fest, dass schon wieder zwei Jahre um sind und dass einen 3d-Fotografie (die Zukunft) nicht interessiert.

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