Unschuld, Inspiration, Verzweiflung

Über “How to ignore “How-to” Guides” von Gregory Simpson auf www.ultrasomething.com
So etwa 14 Jahre alt müßte ich gewesen sein, als ich begann “ambitioniert” zu fotografieren, was allerdings in den Ergebnissen nicht viel bedeutete. Damals war die Welt noch analog und vom Zeitpunkt der Aufnahme des Fotos an, dauerte es ein paar Tage, oder vielleicht sogar Wochen, bis man es betrachten konnte. Die Filme selbst und auch die Entwicklung kosteten Geld und wenn man dann nach einer gewissen Zeit die Bilder im Drogeriemarkt abholen konnte, dann hatte man Papierabzüge in der Hand die Endgültig waren, sich kaum bearbeiten ließen. Ich machte also, wenn ich fotografierte 36 Bilder, vielleicht auch mal mehr und wenn ich den zweiten Film nicht voll bekam, dann musste ich eben warten. Die Sparsamkeit verordnete Geduld.
Als Kamera diente eine alte Minolta Spiegelreflex aus den 70ern, geliehen von meinem Vater und später eine eigene Minolta Spiegelreflex aus den 90ern, gekauft vom eigenen Geld. Ab mitte der Neunziger bis ins neue Jahrtausend hinein, als die Fotografie digital wurde, war die Kameratechnik auf einem absoluten Tiefpunkt. Der Großteil der zu dieser Zeit verkauft wurde war Schrott, der von einer Kamera aus der selben Klasse, produziert in den 80ern qualitativ locker geschlagen wurde. Viel zu spät erkannte ich, dass ich die alte Minolta meines Vaters, meiner neuen in jedem Fall hätte vorziehen sollen.
Bevor ich jetzt anfange zu erzählen, wie weit ich damals durch knietiefen Schnee zum nächsten DM gelaufen bin, um meine Fotos entwickeln zu lassen: Das waren die Rahmenbedingungen unter denen ich mich auf den Weg machte ein Fotograf zu werden. Im übertragenden Sinne tatsächlich ein langer Weg der zumindest einige Steine bereit hielt und nur zu Fuß passierbar war. Und er war einsam: In meinem Freundeskreis war ich tatsächlich der einzige mit diesem Hobby und sogar in der Schule gab es zwar eine Dunkelkammer, aber so wenig Interesse, dass eine Foto-AG nie zustande kam.
Wie haben sich die Zeiten geändert! Heute fotografiert so ziemlich jeder irgendwie und viele sogar mit den Ambitionen Fotografie zu machen, wie immer das dann auch aussehen mag. In den vergangenen zehn Jahren hat sich so vieles vereinfacht und die Wege und vor allem “der Weg” sind so kurz geworden, dass jeder, der wirkliches Interesse hat nur wenige Monate braucht um die Technik so weit zu beherrschen, dass er zumindest fehlerlose Bilder macht.
Ich war immer ein wenig neidisch auf Leute, die erst seit zwei Jahren fotografieren und technisch ähnlich weit waren wie ich.
Der Grund warum ich anfing zu fotografieren war, dass ich einen Weg suchte mich irgendwie aus zu drücken. Ich liebte Filme. Ganz besonders die visuell beeindruckenden, die ihre Geschichte auch über die Bilder erzählten und Welten schufen, die eine Wirklichkeit als Ästhetik zeigten. Ich konnte keine Filme drehen, aber Film ist ja eigentlich Fotografie, nur bewegt und seit Neuestem mit Ton.
Also versuchte ich mich an einer fotografischen Interpretation meiner Umwelt. Meine Vorbilder waren keine Fotografen, sondern Regisseure wie Kubrick, Burton und Leone, aber meine Motive alles andere als filmreif, was mich dazu zwang weniger zu kopieren, als vielmehr ab zu gucken zu inszenieren, also ein Bild auf zu bauen, unabhängig von Motiv und Technik.
So lernte ich Linienführung und Bildaufteilung sehr langsam, aber intuitiv. Vom goldenen Schnitt hörte ich tatsächlich zum ersten Mal in meiner Ausbildung. Meine Technik beherrsche ich ehrlich gesagt bis heute noch nicht so, wie ich eigentlich sollte, denn sie war bei mir in meiner eigenen Fotografiewelt nur Mittel zum Zweck. Diese intuitive Art war während meiner Ausbildung zum Produkt-, Werbe- und Architekturfotografen kaum hilfreich. Eher im Gegenteil, denn nun musste ich das, was ich vorher unbewusst gemacht habe bewusst und nach Konzept machen und es widerstrebte mir fast körperlich mich darauf einzulassen. Es gab eine Zeit, da hatte ich das Intuitive fast verloren und war auch deswegen so frustriert, dass ich dachte, dass Fotografie nicht mehr das richtige für mich ist.
Irgendwann kam der Zeitpunkt da konnte ich dann trennen zwischen Handwerk, das zu beherrschen ich dann gelernt habe und dem was mich immer noch trieb zu fotografieren, seit der Zeit in der ich versuchte durch eine Kamera Ausdruck zu finden.
Seit ein paar Jahren gelingt es mir immer öfter vielleicht beide Welten zu versöhnen und sowohl meiner Intuition zu vertrauen, als auch Konzepten zu folgen.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte ist die fabelhafte Beobachtung die Gregory Simpson in seinem Blog festgehalten hat. Sein Modell passt tatsächlich sehr gut auf alle möglichen Fotografierenden im meinem Umfeld, nur ist es nicht ganz komplett, ohne auf die Gründe einzugehen, die meiner Meinung nach zu den zwei Wegen führen:
Ich glaube viele, die den ersten Weg gehen, kamen zur Fotografie nicht wegen der Fotografie, sondern wegen der Technik, die soviele Möglichkeiten zum Vertiefen, Fachsimpeln, Sammeln und Diskutieren bietet, wie andere Hobbies wie Modellbau, oder Autotunen. In vielen Diskusionen geht es irgendwie oft eher um die Technik und Leistung, als um das Bild selbst. Eine tiefere Auseinandersetzung mit Fotografie an sich findet hier gar nicht statt und ist vielleicht auch gar nicht gewollt.
Auflösung, Schärfe, Vergrößerungsfaktor und so schöne Spielereien wie der HDR-Technik und Erstellung von Panoramen sind da interessanter als sich mit Bildbänden und Fotografen auseinander zu setzen.
Ich habe irgendwann auch andere Fotografen entdeckt und was mir von Cartier-Bresson, Corbijn, Adams und Shulmann (um nur mal die Größten zu nennen) gegeben wurde, das möchte ich nicht missen. Wem der eigene Horizont zu eng wird, dem rate ich jedenfalls auch sich soviel an zu sehen wie möglich und wer noch weiter will, der holt sich Inspiration auch woanders, zum Beispiel im Film, oder wie Henri Cartier-Bresson in der Malerei.
Wer Reportage- und Straßenfotografie mag, dem empfehle ich unbedingt “Meisterwerke: Photographien” von Henri Cartier-Bresson, herrausgegeben von Schirmer/Mosel. Nicht nur wegen einer sehr schönen Auswahl von Fotos aus seinem Lebenswerk und des geringen Preises, sondern auch wegen des großartigen Essays vom Meister selbst, das ich las, als ich gerade im Flugzeug saß nach Lissabon, um dort ein paar Tage nichts anderes zu tun, als mich mit meiner Kamera in den Straßen zu verirren und mit die schönste Zeit meines Lebens zu haben.
Wenn ich nur wüßte, warum meine Hände, seit ich Anfing diesen Eintrag zu schreiben, so nach Schwarzweißentwickler riechen…
(Source: twitter.com)
2 Responses to Unschuld, Inspiration, Verzweiflung
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Sehr schöne “fabelhafte Beobachtung”
und ich kann auch deine “mit die schönste Zeit” sehr gut nachempfinden. Ich war im August in Istanbul, und habe 10 Tage lang fotografierend die Menschen und die Stadt kennengelernt. Und das war Glück für mich, pur.
Ich fotografiere noch nicht lange, und auch nicht studiert und bislang nur digital. Aber ich fürchte mich vor Fotobüchern a la How to, und als ich 2 geschenkt bekam, im Sommer zum Geburtstag, nett gemeint, hab ich sie schliesslich umgetauscht gegen Fotobände. Und doch könnte ich/sollte ich mal das eine oder andere lernen. Aber ich hab Sorge, dass ich dann immer die “Richtig-mach-Stimme” im Kopf hab.
Interessanter Blog, hab dich über Style Spions Twitterempfehlung gefunden
[...] ich hier schonmal schrieb begann ich zu fotografieren weil mich visueller Ausdruck faszinierte, in erster [...]