In den bisherigen Einträgen ging es unter anderem öfter mal um die Frage, wie man mit Fotografie um geht und wie und warum man fotografiert. Ich hoffe sehr, dass ich nicht den Eindruck erweckt habe, ich wolle auch nur irgendjemandem vorschreiben wie, oder gar ob er zu fotografieren hat, denn ich will eigentlich anregen, was auch ein Beweggrund ist diesen Blog zu schreiben, dass Fotografie eine Auseinandersetzung braucht.
Natürlich gibt es flickr und die Fotocommunity und Blogs und was weiß ich noch alles, aber ich habe bisher nirgendwo eine Diskusionskultur erlebt, die interessant und lebhaft über die eigentlichen Inhalte der Fotos geführt wird.
Nirgendwo geht es über die oberflächliche Bewertung eines Bildes hinaus, was wirklich schade ist, denn das ist genau der Punkt, wo meiner Meinung nach Fotografie erst interessant wird.

Fotografie ist, egal was der Fotograf beabsichtigte, immer eine Dokument. Selbst absolute Schnappschüsse enthalten Informationen, die sie uns mitteilen. Sie geben uns die Möglichkeit, auch wenn wir kaum persönlichen Bezug zum festgehaltenen Ereignis haben, in die Lage, uns in den Moment versetzen zu können. Sie vermitteln und setzen Emotionen und Erinnerungen frei.
Wenn ich irgendwo zu besuch bin und es hängen Bilder im Flur und im Wohnzimmer, dann kann ich gar nicht anders als sie mir ansehen zu müssen. Das ist bei mir wie ein Reflex. Genauso schaue ich mir oft auch den Rest des Raums an, denn das alles erzählt mir etwas über die Personen, die darin leben und die Fotos sind kleine Erzählungen über das, was sie erlebt haben.
Ich glaube das geht jedem so. Ich hoffe das ist eine ganz natürliche Neugier.
In der Werbefotografie wird genau das auf einem künstlichen Weg versucht, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Es werden Neugier entfacht, Bedürfnisse geweckt, Emotionen geschürt, Geschichten erzählt.

Jedes Bild ist Information und die formale und ästhetische Qualität eines Bildes unterstützt nur, mehr nicht. Eine Fotografie kann technisch noch so perfekt sein, die Bildgestaltung so gut wie es nur geht und andere gestalterische Möglichkeiten noch so ausgefuchst, im Grunde kann es bei dem allen nur darum gehen, dass das, was man mit dem Bild vermitteln wollte verdeutlicht wird.
Diesen Aspekt vermisse ich bei fast allen Diskusionen, denn es dreht sich alles nur um das formal Oberflächliche und oft habe ich den Eindruck, dass viele fotografieren, weil sie Fotografie machen wollen, die ihrem Sinn von Ästhetik entspricht und wissen nicht, dass sie das Pferd von hinten aufzäumen.

Ich habe angefangen diesen Blog zu schreiben, kurz nachdem ich ein BarCamp über Fotografie besucht habe. Was ein BarCamp ist, wußte ich vorher auch nicht und so ganz sicher bin ich mir immer noch nicht. Es ist wohl sowas wie ein Kongress, nur viel freier und nicht so steif. Ein BarCamp ist scheinbar ein Kind der Socialmedia, denn vernetzt und organisiert wird vorher und nachher über Internet, was wohl auch dazu führte, dass ich wohl einer von nur ganz wenigen war, der von den Anwesenden auch sein Geld mit Fotografie verdient, denn wenn Berufsfotografen etwas nicht mögen, dann ist das Neues und Konkurenz.
Es gab kleine Workshops, Vorträge und ganz nette Diskusionen, aber das was den größten Eindruck hinterlassen hat war ein Gespräch in kleiner Runde, in dem eine der Anwesenden erzählte, dass sie erst seit sehr kurzer Zeit selbst fotografiert. Sie ist seit ein paar Monaten Mutter und sie will ihrer Tochter ein Buch gestalten, mit Fotografien von Tieren, die ihnen unterwegs begegnen.

Das ist so ziemlich der beste Grund mit dem Fotografieren an zu fangen, den ich seit Jahren gehört habe. Das ist so gut, dass ich schon selbst angefangen hab.

 

9 Responses to Photograph without a cause

  1. Jeriko sagt:

    Danke. Ganz ehrlich.

    Hat mich sehr lange nachdenken lassen, und zu einer wirklichen Antwort bin ich trotzdem noch nicht gekommen, wohl aber zu Bruchstücken, die ich nur noch irgendwie ausformulieren muss…

  2. […] junges, aber wirklich gutes Blog über Fotografie von Marc Weber. Und da gibt es einen Beitrag, Photograph without a cause, der für mich heraussticht, und den ich euch nur empfehlen kann: Jedes Bild ist Information und […]

  3. Christian sagt:

    Ich hab’s ja Dir schon mal gesagt, aber es muss schwarz auf weiß sein: Das Foto mit Joshua ist wirklich gut. Nur leider ein wenig klein. Ich finde man sollte bei Klick auf die Fotos eine größere Ansicht in einer Lightbox bekommen oder so.

  4. Jo sagt:

    Ich habe es immer sehr geschätzt, wenn über das, was auf Fotografien dargestellt ist, diskutiert wird; das war letztlich auch ausschlaggebend dafür, dass ich einen Blog ins Leben gerufen habe.

    Allerdings sehe ich das nicht als Voraussetzung dafür an, dass man aus dem Betrachten einer Fotografie einen Gewinn ziehen kann. Warum soll es nicht so etwas wie pures ästhetisches Vergnügen geben? Warum soll man nicht rein gestalterische Aspekte diskutieren? (Hat das auch damit zu tun, dass in unserer Gesellschaft „schöne“ Menschen automatisch verdächtig sind?)

    Und umgekehrt: Muss ein Bild unbedingt mit Bedeutung/Inhalt aufgeladen sein, damit es mich anspricht? Die Fotografien eines Thomas Ruff mögen Interpretationen zulassen, die weit über ihre Oberfläche hinausreichen; aufhängen würde ich sie mir trotzdem nicht. Eben weil sie mich ästhetisch nicht (ausreichend) ansprechen.

    Man könnte auch einen Vergleich mit anderen Medien ziehen: Es gibt viele Bücher und viele Filme, die mich begeistert haben – auch ohne dass ich anschließend über ihren Inhalt diskutiert hätte.

    Ich möchte mit all dem NICHT ausdrücken, dass das Reden über Fotografien keinen Sinn macht, im Gegenteil. Aber es ist eben nur ein Aspekt unter vielen. Der nicht für alle gleich wichtig ist.

  5. Marc sagt:

    Ich glaube, ich habe mich missverständlich ausgedrückt:
    Eigentlich hab ich gar nichts dagegen, sich über ästhetische und gestalterische Aspekte zu unterhalten. Ich mache das selbst auch ausgiebig und gerne. Aber dass locker 90 Prozent aller Kommentare unter Fotos aus knappen Bemerkungen über technische, oder rein gestalterische Aspekte bestehen, das finde ich eben sehr schade, auch gerade weil diese dann noch oft nur sehr oberflächlich sind.

    Ich habe auch nicht behauptet, dass ein Bild mit großer Bedeutung aufgeladen sein muss, damit es einen anspricht und genau das Gegenteil habe ich auch beschrieben mit dem Ansatz, dass eigentlich jedes Bild erst einmal ein Dokument ist.

    Allerdings würde ich dir deswegen gerne wiedersprechen, wenn du schreibst, dass es ein pures ästhetisches Vergnügen gibt, denn ich glaube nicht, dass man ein Bild nur unter dem Aspekt der Ästhetik betrachten kann, völlig losgelöst vom Inhalt, um dann daran gefallen zu finden.

    Und gerade weil es in meinen Augen nicht zu trennen ist, ist eine rein gestalterische Diskusion über ein Bild viel zu oberflächlich und wenn man sich als Fotograf (und auch als Betrachter) weiterentwickeln will, dann sollte man in die Tiefe gehen. Ob das passiert, wenn man allein vor einem Bild steht und wirklich darüber nachdenkt, was es zum Beispiel in einem auslöst, oder eben im Diskurs, ist gar nicht mal so wichtig.
    Allerdings ist mir aufgefallen, dass es für mich sehr viel bringt Gedanken in Worte zu fassen.

  6. Jo sagt:

    @ Marc: Vielleicht habe ich das Ganze auch etwas zu überspitzt formuliert… Sorry.

    Erst mal finde ich es toll, dass Du dieses Thema überhaupt auf die Tapete bringst; das Innehalten, das Nachdenken ist in unserer schnelllebigen Zeit ja längst zu einem Luxus geworden.

    Und damit bin ich schon beim Punkt „oberflächliche Kommentare“: Dass Fotos oft nur mit lapidaren Bemerkungen abgetan werden, liegt vielfach nicht an den Fotos selbst, sondern am Medium, über das sie gezeigt werden. Plattformen wie Flickr erzwingen es geradezu, dass man in kürzester Zeit möglichst viele Bilder abhandelt; anders kann man dort nicht „erfolgreich“ sein. Das ist bei Plattformen, bei denen es nicht um Fotos geht, prinzipiell nicht anders; nur begünstigen Fotografien dieses Verhalten besonders: Zum einen verursacht die Digitaltechnik eine wahre Flut an Bildern, zum anderen kann man Bilder/Fotos eben sehr schnell rezipieren – im Unterschied zu einem Buch, Film, Musikstück…

    Und Du hast Recht, eine komplette Trennung von Inhalt und Präsentation ist natürlich nicht möglich. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man „erfolgreicher“ ist, wenn man als Fotograf (oder Betrachter) in den Schwerpunkt mehr auf den Inhalt legt. Vergleich z. B. Jim Rakete mit Thomas Ruff… Ich glaub, es muss einfach jeder für sich selbst definieren, was wichtig ist und was nicht.

    In diesem Sinne: Ich freu mich schon auf weitere anregende Diskussionen! :)

    • Marc sagt:

      So. Endlich Wochenende und Zeit zu antworten:
      Ich halte nicht viel von Flickr und diesem System, dass man sich unter Druck setzt und versucht möglichst viele Kommentare zu hinterlassen um dann wieder selbst Feedback zu bekommen, was vielleicht auch dazu führt, dass sich manche lieber dem Geschmack der Masse beugen als einen eigenen Stil zu finden. Da werden wir auch angetriggert ohne Ende und dann geht es tatsächlich nicht mehr um die Fotografie, sondern um die Community. Wieviele Freunde habe ich? Hat mir schon jemand was nettes unter mein Bild geschrieben? Was muss ich tun um mehr Aufmerksamkeit zu erregen?
      Ehrlich gesagt, mache ich das mit ThisIsWideAngle.de gerade auch mit.
      Bin hier über diesen Blog von Olaf Batke gestolpert http://bit.ly/10mqT5. „7 Gründe zum Ausstieg aus einer Foto- Community“. Ich finde es ein bißchen sehr drastisch, aber ich kann den Standpunkt auch verstehen, weil ich es ähnlich sehe.
      Ich selbst bin bei Flickr weil es gerade die unkomplizierteste Art bietet Bilder ins Internet zu stellen, aber dieser Communityaspekt geht total an mir vorbei. Auch die Fotocommunity fand ich eigentlich schon immer komplett albern. Dafür machen sie jetzt gute Prints.

      Warum sollte man über Fotografie nicht reden können, wie über Musik, oder einen Film? Das kann man lernen!
      Man kann anfangen darüber nach zu denken warum man ein Bild mag, was einen anspricht und wieso es mir gefällt, wie es mich anspricht.

      Ich wollte nicht sagen, dass man erfolgreicher wird als Fotograf, wenn man Inhalt mehr gewichtet, als man es vorher getan hat, aber man sollte sich bewußt sein, dass es einen Inhalt gibt und was für Möglichkeiten man hat diesen Inhalt dar zu stellen.

      Ausserdem meine ich mit Inhalt jetzt nichts hochtrabendes, das einem was weiß ich für Geschichten erzählt. Für mich ist ein Gefühl, das vermittelt wird auch schon Inhalt, genau so wie die bekloppten Inszenierungen von David Lachapelle direkte Inhalte haben.

      Die Makroaufnahmen, die David Lynch von Blüten gemacht hat, sind so reduziert, dass sie kaum als Blüten zu erkennen sind, aber durch das Licht, die Linienführung und die satten Farbverläufe sind sie für mich aufgeladen mit gar nicht richtig greifbaren Gefühlen wie Angst und Bedrückung.
      Das ist auch Inhalt. Inhalt setzt sich in meiner Definition zusammen aus Motiv, Gestaltung, Zusammenhang, Gefühl (wobei das nicht zwingend bei Fotograf und Betrachter das gleiche sein muss) und natürlich auch dem Kontext des Fotografen selbst, aber dafür muss es erstmal einen Kontext geben.

  7. Steffen sagt:

    Wenn ich auch der Meinung bin, dass jedes Foto ein Dokument mit einem zeigenswerten Inhalt darstellt, es deshalb keine Rolle spielt ob es technisch perfekt oder allgemein interessant ist, wie kann ich dann einen anderen Kommentar als einen knappen und oberflächlichen abgeben? Dann stelle ich doch die Berechtigung des Fotos und das Präsentieren im Netz in Frage. Entweder rette ich mich dann auch in einen wohlwollenden, aber zugegebenermaßen beliebig wirkenden Kommentar. Oder noch viel öfter, schreibe ich lieber nichts als das Falsche.

    • Marc sagt:

      Da hast du mich falsch verstanden. Würde ich in Frage stellen, dass es eine Rolle spielt ob ein Foto technisch, oder gestalterisch gut gemacht ist, dann würde ich meine berufliche Existenz in Frage stellen.

      Natürlich gibt es gute Fotos und schlechte Fotos, aber was sie unterscheidet ist nicht die technische Qualität, oder die Gestaltung, sondern die technische Qualität und die Gestaltung in Bezug auf das, was das Foto zeigt.

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